(Fortsetzung von Seite 1)
„Herr Nooowak!“ hörte ich da auf einmal von links eine raue Stimme schreien. „Ich hab Sie gewählt! Kommen’s her zu uns!“ Die raue Stimme gehörte einem dürren, schmud­deligen Obdachlosen, der sich mit anderen seinesgleichen um einen Würstelstand scharte. „Oh!“ dachte ich. „Jetzt ziehe ich schon die Obdachlosen an! Was bedeutet das?“ Doch gleich wieder war ich in meiner Mitte, ging hin zu der Gruppe, und wir plau­derten ein wenig.

„Hearst Oida“ redete mich schließlich der Rufer an. „I hob heut no nix g‘gessen. Host net an Fufziger für mi?“

„Okay“ dachte ich „ich habe heute schon zweimal etwas gegessen“. Also gab ich ihm die verlangten 50 Schilling, und er kaufte sich damit eine heiße Burenwurst mit Senf und ein Bier. Danach verabschiedete ich mich rasch und fuhr mit dem O-Wagen zu unserem Treffpunkt.

In unserem Lokal angekommen wurde ich von gut einem Dutzend meiner Wiener Freunde und Freundinnen herzlich begrüßt und will­kommen geheißen. Ich erzählte ihnen von meinen letzten Erleb­nissen bis zum Wahltag und schilderte ihnen dann auch meine prekäre finanzielle Situation.

„Na brauchen’s a Geld, Herr Nowak?“ fragte mich daraufhin jener frühere Kammerbeamte, der ursprünglich kandidieren hätte solle.

„Ja, natürlich!“ antwortete ich. „Aber ich will mir nix mehr aus­bor­gen.“ Das hatte ich in letzter Zeit schon mehr­mals getan.

„Nix ausborgen!“ erwiderte der Ex-Kandidat, zog eine dicke, dunkel­braune Brief­tasche aus seinem Sakko, öffnete sie und legte einen Tausender auf den Tisch.  Daraufhin waren die anderen auch nicht fad und legten alles an blauen, braunen und grünen Scheinen auf den Tisch, was sie dabei hatten – in Summe  5.000 Schilling!

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Ich war so gerührt, dass mir fast schon die Tränen kamen und genoss den Abend mit meinen treuen Wahlhelfern dann als etwas ganz besonderes. Später in der Schnellbahn so gegen 22 Uhr dachte ich dann über alles nach, und schon bald kam mir eine wirklich zündende Idee:

„Das waren ja nur die Wiener, die mich und meine Familie gerade so reich beschenkt hatten. Was ist, wenn ich meinen Freunden in den Bundesländern einfach

einen Brief schreibe und ihnen die Situation genauso schildere. Diese Idee stimmte mich so zuversichtlich, dass ich gleich nach dem Ankommen zuhause zu Bett ging und so fest ein­schlief, dass ich erst um sechs Uhr des nächsten Tages erwachte.

Gleich nach dem Duschen und Frühstücken setzte ich mich hin und schrieb über hundert Briefe mit dem gleichen Text. Kurz vor sechs brachte ich dann die Briefe zu unserem Postamt Ecke Schillerstaße / Badstraße in Mödling und war voller Erwartung, die nicht enttäuscht werden sollte. Denn was da in den nächsten zwei Wochen nach und nach herein trudelte, ergab in Summe etwa  50.000 Schilling!

Wieso haben meine Freunde so viel gespen­det? Was ist da gelaufen? Nun, die primäre Ursache  war sicher das kosmische Gesetz des Rhythmus, dem auch Tag und Nacht, Ebbe und Flut, sowie Sommer und Winter folgen. Denn ich und meine Frau Edeltraud hatten sechs Monate lang alles gegeben, was wir geben konnten, und das mit großem Nutzen zum Wohle des Ganzen.

Als ich dann noch ohne jegliche Berechnung ein Viertel meines bescheidenen Ver­mögens einem Obdachlosen schenkte, musste das Pendel zwangs­läufig in die andere Richtung schwingen. Denn die ultimative Reichtums-Formel lautet: 

„Gib, was du haben willst!“

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